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Moneyfarm-Marktupdate: „Ein goldener Herbst?“

Auch im September ging es an den Aktienmärkten rauf und runter – primär jedoch nach oben. Insbesondere zu Beginn des Monats setzten die Märkte ihren massiven Aufwärtstrend von Ende August weiter fort. Gehemmt wurde er durch den Angriff auf die Ölraffinerie in Saudi-Arabien, den die internationalen Börsen aber ebenso wegsteckten wie die Turbulenzen um Donald Trumps Ukraine-Affäre.

Im Vordergrund standen vor allem die Beschlüsse der Zentralbanken in Europa und den USA. Um die eingetrübten Konjunkturperspektiven mit frischem Geld anzukurbeln und der niedriger als erwarteten Inflationsrate entgegenzuwirken, hat die Europäische Zentralbank auf ihrer September-Sitzung beschlossen, die Leitzinsen in der Eurozone mindestens bis Mitte 2020 unverändert bei null Prozent zu belassen. Gleichzeitig erhöhte der scheidende Präsident Draghi in einer seiner letzten Amtshandlungen den Negativzins für Einlagen bei der EZB von 0,4 auf 0,5 % – ein herber Schlag für Banken in der Eurozone.

Der Ölpreis schoss zwischenzeitlich nach oben und hat sich inzwischen wieder normalisiert, für den Goldpreis ging es ob der starken Aktienmärkte leicht nach unten.

„Ein goldener Herbst?“

Ann-Katrin Petersen, Investment Strategist bei Allianz Global Investors, stellt die Frage, ob der September den Beginn eines „goldenen Herbsts“ darstellt:

Während auf der Nordhalbkugel die Blätter welken und kühlere Temperaturen Einzug halten, zeigen sich die Börsen hiervon bislang unbeeindruckt. Im ersten Dreivierteljahr 2019 haben sich die Finanzmärkte auf breiter Basis erholt. Dies wurde wesentlich durch den weltweit zu beobachtenden Schwenk der Notenbanken zu erneuten Zinssenkungen und Geldspritzen befeuert – und weniger durch die unverändert kraftlose Dynamik bei globalem Wirtschafts- und Gewinnwachstum in einem alternden Aufschwung.

Um den Börsen einen durchgängig „goldenen Herbst“ zu bescheren, reichen die hohen Erwartungen an Notenbanker und Finanzminister (nicht zuletzt den chinesischen und den deutschen) allein mittelfristig jedoch nicht aus. Zumindest, solange die Weltkonjunktur nicht wieder Tritt fasst. Und solange politische Unsicherheiten die Märkte nicht loslassen.

Seit die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) Ende Juli erstmals seit elf Jahren ihren Leitzins gesenkt hat, lässt sich ganz in diesem Sinne eine uneinheitlichere Entwicklung der verschiedenen Anlageklassen feststellen. Der Wechsel zwischen Risikofreude und Risikoaversion der Marktteilnehmer („Risk-on/Risk-off“) ist seit Jahresmitte wieder sichtbar geworden. Dabei haben – je nach kurzfristiger Risikostimmung – entweder risikobehaftete Anlageklassen wie Aktien und Hochzinsanleihen oder aber die Gruppe der als sicher wahrgenommenen Anlageklassen wie Staatsanleihen eine positive Wertentwicklung verzeichnet. Nicht aber beide gleichzeitig. Offensichtlich vermochte die Erwartung einer expansiveren Wirtschaftspolitik nicht mehr „alle Boote zu heben“. Stattdessen haben andere Treiber wie der makroökonomische Nachrichtenfluss und (geo-)politische Risiken wieder an Bedeutung gewonnen:

  1. Die Weltkonjunktur befindet sich nicht in einem freien Fall, doch nehmen die Sorgenfalten zu. So zeigt unser zyklisches Rezessionsmodell für die größte Volkswirtschaft der Welt, die USA, aktuell eine Rezessionswahrscheinlichkeit von lediglich 2 % auf Sicht von sechs Monaten an. Allerdings lasten die fortdauernde Schwäche im Handel und geopolitische Unsicherheiten weiterhin schwer auf dem globalen Verarbeitenden Gewerbe. Mit Argusaugen beobachten Investoren, ob sich Abstrahleffekte auf den bislang widerstandsfähigen, binnenwirtschaftlich orientierten Dienstleistungssektor bemerkbar machen. Zusätzlich könnte sich der jüngste Ölpreisanstieg als Belastungsfaktor für den – angesichts fester Arbeitsmärkte und steigender Lohneinkommen – bislang robusten Konsum entpuppen. Die Risiken eines Konjunkturabschwungs sind gestiegen.
  2. Mehrere politische Stolpersteine scheinen vorerst aus dem Weg geräumt: Die neue italienische Regierung schlägt fiskalpolitisch einen weniger konfrontativen Kurs mit Brüssel ein. Das britische Parlament hat das Szenario eines ungeordneten Brexits eingedämmt. Und bei den US-chinesischen Handelsgesprächen zeichnen sich verhaltene positive Signale ab. Doch ungeachtet eines möglichen Waffenstillstands belasten die durchschnittlichen US-Importzölle, die im September mit 4,7 % den höchsten Stand seit 45 Jahren erreichten, die Binnen- und Weltwirtschaft schon seit längerem. Falls die Trump-Administration die bereits angekündigten zusätzlichen Einfuhrzölle auf chinesische Waren umsetzt, steigt der durchschnittliche Satz bis Ende dieses Jahres weiter auf 6,2 %. Darüber hinaus lauert im Hintergrund eine mögliche Erhöhung der US-Importzölle für die Autoindustrie (Entscheidung im November). In Europa würden insbesondere Deutschland, Großbritannien und Italien empfindlich getroffen.

Was bedeutet dies für Anlageentscheidungen?

  • Die Hoffnung auf eine expansivere Geld- und Fiskalpolitik stützt für sich genommen risikobehaftete Anlageklassen. Ob dies jedoch ausreicht, um eine anhaltend aufgehellte Stimmung an den Börsen zu erzeugen, ist fraglich. Die Belebung von Konjunktur und Unternehmensgewinnen ist bisher ausgeblieben.
  • Dies legt einerseits ein breit gestreutes Portfolio nahe, andererseits eine taktisch vorsichtige Positionierung bei risikobehafteten Anlagen in einem Multi-Asset-Kontext, die eine aktive Selektion von Wertpapieren mit Leben füllt.
  • In einem globalen Aktienportfolio bevorzugen wir derzeit beispielsweise den historisch weniger schwankungsanfälligen US-Aktienmarkt sowie defensive Sektoren. Ob „goldener Herbst“ oder nicht – aktives Management scheint Hochkonjunktur zu haben.