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Fragen Sie Ihren Taxifahrer!

Taxifahrer sind hervorragende Meinungs- und Konjunkturindikatoren. Wenn ich Taxi fahre, lautet in der Regel eine meiner ersten Fragen: „Na, wie laufen die Geschäfte?“ Das Fahrgastaufkommen und die Höhe des Trinkgelds sind ein gutes Spiegelbild der aktuellen Ausgabenneigung. Aber auch in Sachen Geldanlage lässt sich so einiges lernen, wie ich erst kürzlich wieder erfuhr.

Dr. Hans-Jörg Naumer leitet Global Capital Markets & Thematic Research von Allianz Global Investors

Während wir auf spiegelglatter Fahrbahn Anfang Januar durch die Nacht rutschten, erzähle ich meinem Fahrer, dass ich gerade von einem Geldanlagesymposium komme und schon sind wir bei seinem Wertpapierdepot. Schnell wird klar: Er ist in fünf, sechs jener Unternehmen investiert, die immer wieder in den Medien gehypt werden bzw. die er gut zu kennen glaubt, da es sich um deutsche Unternehmen handelt. Im darüber Nachdenken fallen mir so einige Verhaltensmuster auf, die ich bei Anlegern immer wieder finde. Diese fingen schon bei der Informationsbeschaffung an. Er hat genau jene Aktien gekauft, welche in den einschlägigen Medien über Wochen und Monate gehighlighted wurden. Wirkliche Geheimtipps gibt es aber nicht – und wenn, dann schon gar nicht per Massenmedien. Und: Eine kurze Pressemeldung ersetzt keine tiefgehende Analyse. Wenn wundert’s da, dass damals nur auf die große Story gesetzt wurde: Die schöne, neue Welt des risikolosen Reichtums. Leicht zu verstehende Geschichten, aber äußerst oberflächlich in der Analyse.

Zweiter Fehler: das Timing. Oft wird dann gekauft, wenn alle kaufen. Liegt der Markt am Boden, lautet die Devise: Jetzt bloß kein Risiko mehr. Ein typisch prozyklisches Verhalten. Eigentlich müsste es genau umgekehrt sein.

Dritter Fehler: fehlende Streuung. „Diversifikation“ heißt das Stichwort. Wer nur auf ein Thema setzt (wie z.B. im Fall des Taxifahrers das Internet), streut die Risiken nicht. Im Gegenteil, sie sind hoch korreliert. Korrelierte Risiken sind wie Schiffe, die miteinander vertäut sind: Geht eines unter, sinken alle anderen mit – wird eines von der Welle mit hoch gerissen, folgen alle anderen allerdings auch.

Vierter Fehler: geringe Marktkapitalisierung bei kleinen Werten. Wenn viele Anleger ihr Geld in Aktien mit einer geringen Marktkapitalisierung fließen lassen, ist das so, als käme starker Druck auf einen Wasserbehälter, der als Ausgang nur eine dünne Röhre nach oben hat. Der Druck (das Anlegergeld) lässt das Wasser (die Aktienkurse) dann in dieser Röhre in die Höhe schießen. Wenn viele Käufer versuchen, viel Geld in wenigen Aktien anzulegen, steigen die Kurse rasant. Bleibt der „Druck“ der Anlegergelder aus, fallen die Kurse („das Wasser in der Röhre“) sofort. Wer Aktien mit einer nur geringen Marktkapitalisierung kauft, muss also ganz besonders vorsichtig zugreifen.

Der fünfte Fehler bleibt bei dieser Fehlerkette selten aus: statt das Depot aufzuräumen, wird nichts verändert. Ein Vogelstraußverhalten. Die Psychologen sprechen dabei wohl vom „Verharren im vertrauten Elend“ – das soll es allerdings nicht nur bei der Geldanlage geben. Was mal viel gekostet hat, wird schon irgendwann mal wieder im Preis steigen, so die Überlegung. Selbst wenn es so käme: Die Fehler eins bis vier wären dann immer noch nicht behoben. Als ich das Taxi verlasse wird mir klar: Dieses Mal haben wir beide was gelernt. Er, wie er sein Depot rutschfest aufbaut, und ich, wie ich über eine eisglatte Fahrbahn sicher zum Ziel komme.

Mein Tipp zur Selbstüberlistung: Entscheidend für private Anleger ist die strategische Aufteilung der Investitionen. Die Titelselektion und Anpassungen an die Marktentwicklung kann gerne delegiert werden.


Ein Gastbeitrag von Dr. Hans-Jörg Naumer.

Geldanlagen bergen Risiken.

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